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(„500 Jahre Reichstag zu Worms“)

(Inhaltliche Gestaltung: Kuratorin Grabenhofer, Liturgie: Pfr. Rampler, Orgel: B. Rampler)

(Lieder sind auf youtube   verlinkt.)

Orgelvorspiel

Einleitung, Begrüßung (Kuratorin):

Liebe Gemeinde!

Heute begrüße ich Sie an dem Sonntag Kantate, das heißt Singet! „Singt dem Herrn ein neues Lied, denn er tut Wunder!“ Ja, aber seit Monaten ist es uns wegen der Pandemie verwehrt, Kirchenlieder zu singen. Das Verbot macht uns jeden Sonntag bewusst, wie wichtig das Singen in unseren Gottesdiensten ist, dass es Gemeinschaft herstellt, so wie wir auch das Glaubensbekenntnis und das Vaterunser miteinander sprechen. Martin Luther hat erkannt, dass im Singen Verkündigung geschieht, deshalb hat er lateinische Choralverse übersetzt und neue Lieder auf deutsch gedichtet, damit die Menschen sie verstehen konnten. Viele beinhalten wesentliche Aussagen seiner Theologie. Auch Zwingli, der Schweizer Reformator, hat das Singen auf deutsch gutgeheißen und ebenfalls den gregorianischen lateinischen Choral abgeschafft.
Singen kann uns in unserer Gefühlslage stark berühren, uns anrühren, Freude machen, trösten, und so singen wir heute in Gedanken mit, wenn wir die Orgel hören.
Wir beginnen unseren Gottesdienst im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.

Das Eingangslied ist das Wochenlied zum Sonntag Kantate und stammt von Luther:

EG 341 Nun freut euch lieben Christen g’mein und lasst uns fröhlich springen...  

  1. Nun freut euch, lieben Christen g’mein, und lasst uns fröhlich springen,
    dass wir getrost und all in ein / mit Lust und Liebe singen,
    was Gott an uns gewendet hat / und seine süße Wundertat;
    gar teu’r hat er’s erworben.
  2. Er sprach zu mir: »Halt dich an mich, es soll dir jetzt gelingen;
    ich geb mich selber ganz für dich, da will ich für dich ringen;
    denn ich bin dein und du bist mein, und wo ich bleib, da sollst du sein,
    uns soll der Feind nicht scheiden.
  3. Was ich getan hab und gelehrt, das sollst du tun und lehren,
    damit das Reich Gotts werd gemehrt/ zu Lob und seinen Ehren;
    und hüt dich vor der Menschen Satz, davon verdirbt der edle Schatz:
    Das lass ich dir zur Letze.«

(Pfr.) Luthers Morgensegen EG 815

Des Morgens, wenn du aufstehst, kannst du dich segnen mit dem Zeichen des heiligen Kreuzes und sagen:
Das walte Gott Vater, Sohn und Heiliger Geist! Amen.

Darauf kniend oder stehend das Glaubensbekenntnis und das Vaterunser.

Willst du, so kannst du dies Gebet dazu sprechen:
Ich danke dir, mein himmlischer Vater, durch Jesus Christus, deinen lieben Sohn,
daß du mich diese Nacht vor allem Schaden und Gefahr behütet hast,
und bitte dich,
du wollest mich diesen Tag auch behüten vor Sünden und allem Übel,
daß dir all mein Tun und Leben gefalle.
Denn ich befehle mich, meinen Leib und Seele und alles in deine Hände.
Dein heiliger Engel sei mit mir, daß der böse Feind keine Macht an mir finde.
Alsdann mit Freuden an dein Werk gegangen und etwa ein Lied gesungen oder was dir deine Andacht eingibt.
Ehre sei dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist…

Orgel: wie es war im Anfang, jetzt und immerdar und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.

Lasst uns beten, liebe Gemeinde, mit Worten Martin Luthers.
Es gibt viele überlieferte Gebete von ihm, ich habe Büchlein davon, bin aber in der Vorbereitung auf diesen Gottesdienst auf einen besonderen Schatz gestoßen, den ich mit Ihnen teilen will, auch wenn er sehr anspruchsvoll ist:

Ernstlichs Gebett Doctoris Martini Lutheri zu Wormbs auff dem Reichstag Anno Domini 1521

Allmechtiger, ewiger GOTT, wie ist es nur eyn ding umb die welt, wie sperret sie den leuten die Meuler auff, wie klein und gering ist das vertrauen der Menschen auff GOTT, wie ist das fleysch so zart und schwach und der Teuffel so gewaltig und geschefftig durch seine Apostel und Weltweisen, wie ziehet sie so bald die hand ab und schnurret dahin, laufft die gemeyne ban und den weiten weg zur Hellen zu, da die gottlosen hingehören,
und sihet nur alleyn bloß an, was prechtig und gewaltig, gros und mechtig ist und ein ansehen hat.
Wann ich nun meine augen dahin wenden soll, so ists mit mir auß, die Glock ist schon gegossen und das urteyl gefellet, ach GOTT, ach GOtt, o du mein GOtt, du mein Gott, stehe du mir bei wider aller welt vernufft und weißheyt, thu du es, du must es thun, du alleyn, ist es doch nicht mein, sondern deine sache, habe ich doch für meine person alhie nichts zuschafen und mit disen grosen Herren der welt zu thun, wolte ich doch auch wol gut gerühige tage haben und unverworren sein.
Aber dein ist die sache, Herr, die gerecht und ewig ist. Stehe mir bei, du treuer, ewiger GOtt, ich verlasse mich auf keynen Menschen, es ist umbsonst und vergebens, es hincket alles, was fleysche ist und nach fleysch schmeckt , o GOTT, o GOTT, hörest du nicht, mein GOTT, bistu tod?
nein, du kanst nicht sterben, du verbirgest dich alleyn, hastu mich darzu erwehlet? ich frage dich, wie ich es dann gewiß weiß, ey so walte es Gott; dann ich mein lebenlang nie wider solche grose HERREN gedacht zu sein, habe mir es auch nie fürgenommen, ey GOTT, so stehe mir bei inn dem Namen deines lieben Sohns Jesu CHRISTI, der mein schutz und schirm sein soll, ja meine feste burg, durch krafft und sterckung deines Heyligen Geystes.


HERR, wo bleibestu? du mein GOTT, wo bistu? komm, komm, ich bin bereyt, auch mein leben drumb zu lassen, gedultig wie eyn Lämblin; dann gerecht ist die sache und dein, so will ich mich von dir nicht absondern ewiglich, das sei beschlossen inn deinem Namen; die Welt muß mich über mein gewissen wol ungezwungen lassen, und wann sie noch voller Teuffel were und solt mein leib, der doch zuvor deiner hände werck und geschöpff ist, darüber zu grund und boden, ja zu trümmern gehen, dafür aber dein wort und Geyst mir gut ist, und ist auch nur umb den Leib zu thun, die seel ist dein und gehöret dir zu und bleibet auch bei dir ewig. Amen. Gott helff mir.

Quelle: Schulz, Frieder. Die Gebete Luthers. Gütersloh : G. Mohn, 1976. (Quellen und Forschungen zur Reformationsgeschichte ; Bd. 44), 262-263


Orgel: Amen, Amen, Amen.

Lesungen: Kolosser Kap. 3/ 2,12,16.17 (Kuratorin)

Herr, dein Wort ist unsres Fußes Leuchte und ein Licht auf unserm Wege. Halleluja.

Orgel: 3x Halleluja.

Glaubensbekenntnis (Pfr.)

Ich glaube an Gott,
den Vater, den Allmächtigen,
den Schöpfer des Himmels und der Erde.

Und an Jesus Christus,
seinen eingeborenen Sohn, unsern Herrn,
empfangen durch den Heiligen Geist,
geboren von der Jungfrau Maria,
gelitten unter Pontius Pilatus,
gekreuzigt, gestorben und begraben,
hinabgestiegen in das Reich des Todes,
am dritten Tage auferstanden von den Toten,
aufgefahren in den Himmel;
er sitzt zur Rechten Gottes, des allmächtigen Vaters;
von dort wird er kommen, zu richten die Lebenden und die Toten.
Ich glaube an den Heiligen Geist,
die heilige christliche Kirche,
Gemeinschaft der Heiligen,
Vergebung der Sünden,
Auferstehung der Toten und das ewige Leben. Amen.

Hauptlied: EG 342 342 / 1, 6, 7 Es ist das Heil uns kommen her  

Intonation der Orgel

  1. Es ist das Heil uns kommen her / von Gnad und lauter Güte;
    die Werk, die helfen nimmermehr, sie können nicht behüten.
    Der Glaub sieht Jesus Christus an, der hat für uns genug getan,
    er ist der Mittler worden.
  2. Es ist gerecht vor Gott allein, der diesen Glauben fasset;
    der Glaub gibt einen hellen Schein, wenn er die Werk nicht lasset;
    mit Gott der Glaub ist wohl daran, dem Nächsten wird die Lieb Guts tun,
    bist du aus Gott geboren.
  3. Die Werk, die kommen g'wißlich her/ aus einem rechten Glauben;
    denn das nicht rechter Glaube wär, wolltst ihn der Werk berauben.
    Doch macht allein der Glaub gerecht; die Werk, die sind des Nächsten Knecht,
    dran wir den Glauben merken.

Text: Paul Speratus 1523
Melodie: Mainz um 1390, Nürnberg 1523/24

Orgel: 1 Strophe

Kurz-Themen-Meditation zu „500 Jahre Reichstag zu Worms“: Kuratorin

Liebe Gemeinde!

Wie bekomme ich einen gnädigen, einen barmherzigen Gott? Und wie ist das mit der Gerechtigkeit Gottes? Muss ich mich dafür anstrengen und etwas leisten? Und mein Gewissen? Woher nimmt es seine Sicherheit, Entscheidungen zu treffen? Diese Fragen haben Martin Luther sein halbes Leben umgetrieben. Und auch für seine Haltung auf dem Reichstag zu Worms, über den wir heute Genaueres hören wollen, sind sie zentral.
Luther hat im Brief des Paulus an die Römer die Antwort auf diese Fragen erkannt.

Wir hören als Predigttext ausgewählte Verse aus dem Brief des Paulus an die Römer.
Kapitel 3, 28; Kap. 5,1; und Kap. 8, 28, 31-33,38,39 und ich bitte Sie, dazu aufzustehen.
....
Liebe Gemeinde,
1521 ist Luther bereits eine „Größe“! Viele haben sich ihm angeschlossen und er ist deshalb ein großes Ärgernis im Reich. Im Jänner des Jahres hat der Papst über ihn den Bann gesprochen, jetzt fehlt nur noch die Acht durch den Kaiser. Dann muss er um sein Leben fürchten, selbst wenn er nicht verurteilt wird. Dass ein einzelner Mönch die ganze Kirche herausfordert, in Zweifel zieht, was der Papst verkündet, der sich als höchste Instanz versteht – das ist jenseits des Verständnisses der päpstlichen Kurie. Und dass er bereits 1517 mit dem 95 Thesen gegen eine einträgliche Geldquelle, den Ablass nämlich – auftritt, ist ein weiteres Ärgernis.
Aber Martin Luther hat in den Folgejahren auf der Grundlage der Bibel seine Aussagen festgemacht, hat im Jahr vor dem Reichstag 1520 große Abhandlungen geschrieben, die bahnbrechend waren, wie z.B. „Von der Freiheit eines Christenmenschen“. Die verbindliche Norm kommt aus der Bibel, an sie ist das Gewissen gebunden. Freiheit bedeutet aber auch eine größere Selbstständigkeit des Menschen, damit wird die Abhängigkeit von der Obrigkeit neu definiert. Das führt direkt zum Konflikt mit dieser Obrigkeit, die durch Kaiser und Papst als ihre höchsten Repräsentanten verkörpert ist. Und Freiheit heißt dann auch größere Verantwortung; daher wurde in den Gebieten, die die Reformation annahmen, der soziale Zusammenhalt neu gestärkt und wurden als zentrales Anliegen Schulen gegründet, damit das selbstständige Denken breiter Bevölkerungsschichten gefördert werden konnte.

In dem riesigen Reich, dem Heiligen Römischen Reich deutscher Nation, an dessen Spitze der Kaiser stand, waren viele Kräfte am Werk, die oft durchaus unterschiedliche Aspekte verfolgten. Die 12 Kurfürsten hatten dabei das meiste Gewicht, weil sie in ihren Ländern regierten, denn der Kaiser war gewöhnlich weit weg. Von der Nord- und Ostsee bis an Mittelmeer erstreckte sich das Reich, der ewige Rivale Frankreich im Westen, die latente Türkengefahr seit dem Fall Konstantinopels im Osten!
Reichstage waren da die Zusammenkunft aller am Reich Beteiligten, vor allem die Kurfürsten mit einem Tross von Beratern, wo Politik gemacht wurde, und oft vergingen Jahre bis zum nächsten Reichstag.
1521 dauerte er von Jänner bis Ende Mai. Die vielen Verhandlungen wurden unterbrochen von Jagden, von Empfängen, Vergnügungen, wie man es auch vom Wiener Kongress im 19. Jahrhundert weiß.
Und dazwischen so eine unliebsame, ja, brenzlige Angelegenheit mit einem aufmüpfigen Mönch, der schon seit mindestens vier Jahren, seit er seine Thesen verkündet hat, das halbe Reich in Aufruhr versetzt! Loswerden wollten ihn viele, die Macht des Papstes zementieren, die Verbindung Kaiser – Papst nicht stören lassen. Nicht hinterfragen, was die Bibel sagt, sondern nur zulassen, was die Kirche sagt. Und der Kaiser hat dem zu folgen und will es auch, weil er damit Stärke zeigt.

Wer ist dieser Kaiser?

Mit 19 Jahren ist Karl V. zum römisch-deutschen König gewählt worden, ein spanischer Habsburger, der nicht gut deutsch konnte, aufgewachsen in Spanien und den Niederlanden, Erbe des Reiches und der spanischen Krone, die ihm auch viele Überseekolonien gebracht hat. Sein Großvater ist der schillernde Kaiser Maximilian. Karl ist der erste Kaiser, dessen territorialer Machtanspruch so umfassend ist, dass es sich bewahrheitete, dass in seinem Reich die Sonne nicht unterginge.

Ich habe darüber schon in unserem Gemeindeblatt geschrieben und beziehe das hier nun ein.

Die Krönung durch den Papst zum Kaiser des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation, die der Wahl durch die Kurfürsten folgen muss, ist noch nicht erfolgt, als er zwei Jahre später, 1521, das erste Mal bei einem Reichstag anwesend ist.
(Aus allen Reichsfürsten bilden die sieben Kurfürsten, geistliche und weltliche, eine elitäre Gruppe mit durchaus unterschiedlichen Interessen und politischen Ansichten sowie Bündnissen. Papst Leo X. hatte den französischen König vor der Wahl favorisiert, der den gleichen Herrschaftsanspruch wie Karl stellte. Eine ständige Rivalität zwischen dem Reich und der französischen Krone war die Folge.)
Als der Reichstag Ende Jänner 1521 begann, versammelten sich in Worms, das schon seit dem Mittelalter eine Reichstadt war, Tausende Beteiligte, Berater und Beobachter, bildete doch die Stadt bis Ende Mai das Zentrum des Reiches. Viele politische Verhandlungen sollten stattfinden, darunter auch die Sache Luther, der als aufrührerischer Rebell bereits vom Papst gebannt worden war, aber die Bannbulle öffentlich verbrannte und sich damit vom Gehorsam dem Papst gegenüber lossagte. Daraufhin sollte gesetzmäßig die Ächtung, die Verhängung der Reichsacht, durch den Kaiser erfolgen, was bedeutete, dass er keinerlei Schutz mehr genoss, niemand ihn schützen durfte, ja, sein Leben in Gefahr war.
Die Popularität Luthers war zu diesem Zeitpunkt bereits auf einem Höhepunkt, sodass seine zwei Wochen dauernde Fahrt (in einem von der Stadt Wittenberg zur Verfügung gestellten zweirädrigen Wagen samt Pferden) einem Triumphzug glich. Er predigte an vielen Orten vor begeisterten Menschen, besonders in Erfurt und in Frankfurt. Er musste ja quer durch Mitteldeutschland reisen, von Wittenberg im Osten bis an den Rhein. Dabei ging es ihm, wie schon so oft - gesundheitlich wieder nicht gut.

Drahtzieher im Hintergrund war der päpstliche Nuntius Hieronymus Aleander, der die Verurteilung Luthers ohne die Reichsstände zu befassen, betrieb - was ihm aber nicht gelang - und der ständig Briefe nach Rom schickte. Er verfasste alle offiziellen Schreiben in der Sache Luther, auch das Schlussdokument, das Wormser Edikt. Er erwies sich in späteren Jahren als besonderer Verfolger der Protestanten in den Niederlanden und wurde dafür mit dem Erzbistum in Brindisi in Süditalien belohnt.

Als Luther vor dem Reichstag stand, wurden ihm nur zwei Fragen gestellt. Ob er der Verfasser der Schriften sei, die unter seinem Namen publiziert waren und ob er daraus etwas widerrufen wolle. Er bestätigte einerseits seine Autorenschaft, erbat sich aber zur Beantwortung der zweiten Frage Bedenkzeit, was ihm bis zum nächsten Tag gewährt wurde, aber trotzdem eine Brüskierung des Reichstages darstellte. Luther war auf eine Disputation eingestellt, eine akademische Diskussion über seine Lehren, aber das erfolgte nicht. Daher war es eine Entscheidung auf Leben und Tod, was er dem Kaiser antworten würde. Er würde nicht „abschwören“, das schrieb er in der Nacht nach Wien, wo ein berühmter Humanist namens Cuspinian bereits Berater von Karls V. Großvater Kaiser Maximilian I. war und mit dem Luther in Briefverkehr stand. Dessen Grab befindet übrigens sich im Stephansdom!

Was mag das für eine Nacht für Luther gewesen sein? Was mag in ihm vorgegangen sein mit der Perspektive, als Ketzer verurteilt zu werden? Er wusste um Jan Hus 100 Jahre zuvor Bescheid, dem auf dem Konzil zu Konstanz freies Geleit zugesichert worden war und der dennoch auf dem Scheiterhaufen endete, verurteilt als Ketzer!
Vor so einem Hintergrund mag man auch das Ringen Luthers verstehen, der die Nacht vor der entscheidenden Aussage intensiv mit Beten und mit Beratungen mit seinen Getreuen aus Wittenberg zubrachte.
In seiner Verteidigung greift er auf eine Dreiteilung seiner Schriften zurück, die er samt und sonders widerrufen sollte und die aufgestapelt vorlagen: die Schriften, die sich mit Glaubensfragen befassen, die sich mit dem Papsttum befassen und polemische Schriften gegen die Anhänger des Papstes.

So kam es zu der bahnbrechenden Aussage Luthers am 18. April 1521, dass sein Gewissen an Gott gebunden ist und er nur durch das Zeugnis der Heiligen Schrift widerlegt werden könne, nicht durch Aussagen des Papstes und der Konzilien, denn sie hätten wiederholt geirrt.
„.... und mein Gewissen ist durch Gottes Worte gefangen. Und darum kann und will ich nichts widerrufen, weil gegen das Gewissen zu handeln weder sicher noch lauter ist. Gott helfe mir. Amen.“
Darauf beharrt er. Wenn sie ihm nicht aus der Bibel seine Worte widerlegen können, dann kann er nicht zurückweichen! Mit dieser Aussage lieferte er sich aber auch selber ans Messer, denn er musste mit seiner Verurteilung rechnen.
Wie stark muss da die Überzeugung sein, das Richtige zu tun? Aus dem Römerbrief wusste er. „Ist Gott für uns, wer kann wider uns sein?“
Und: Wie bekomme ich einen gnädigen und barmherzigen Gott? Eine Kardinalfrage für Luther. Kann ich mich freikaufen durch einen Ablass von meinen Sünden? Luther findet die Antwort bei Paulus:
„So halten wir nun dafür, dass der Mensch gerecht werde ohne des Gesetzes Werke, allein durch den Glauben“. Das ist die zentrale reformatorische Botschaft, die Luther als wesentlich für einen Christen erkannt hat.

Liebe Gemeinde,

nicht unsere Werke, unsere Leistungen, unsere Anstrengungen machen uns gerecht vor Gott, sondern allein unser Glaube. Das hat Luther wörtlich genommen und es noch betont durch das Wort „allein“. Die guten Werke sind dann erst die Folge davon. Wir haben es im Lied vor der Predigt gehört:
„Es ist das Heil uns kommen her“. Paul Speratus, der im Stephansdom zu einer Zeit predigte, als Wien im 16. Jahrhundert mehrheitlich protestantisch war, dichtete in seiner 7. Strophe:
„Die Werk, die kommen g’wisslich her aus einem rechten Glauben... doch macht allein der Glaub gerecht; die Werk, die sind des Nächsten Knecht, dran wir den Glauben merken.“

Gutes tun, das ist der zweite Schritt, der hat auch Auswirkungen darauf, dass wir uns heute als eine diakonische Kirche verstehen. Der erste ist der Glaube und dass unser Gewissen gebunden ist an die Bibel. Daneben hat Luther noch die Gnade und Christus gestellt, allein durch sie wird der Mensch gerecht vor Gott.
Es sind die Grundfesten unseres Lebens, die er alle mit dem lateinischen „Sola“ betont hat, das bedeutet „allein“ und schließt anderes aus.
Allein der Glaube, allein die Gnade, allein die Schrift, allein Christus! Das ist das neue Leben, das frei macht.
Das ist ein protestantisches Erbe seit 500 Jahren!

Da können wir auch fragen nach den Impulsen für heute. Fühlen wir uns daran gebunden? Schulen wir unser inneres Gewissen daran? Und was ist, wenn es einen Widerspruch nach außen gibt? Wo ist dann unsere Priorität? Standfestigkeit können wir bei Luther lernen, nicht sich drehen nach dem Wind!
Das brauchen wir auch heute.
Und wenn wir diesen Glauben ernst nehmen, dann kann uns auch nichts scheiden von der Liebe Gottes, wie Paulus schreibt.

Die Sache Luther endete auf dem Reichstag mit dem „Wormser Edikt“, verfasst wieder von Aleander; kein Beschluss des Reichstages, zu verschieden votierten die Reichsfürsten in der Sache Luther, sondern ein kaiserliches Mandat, das die Rivalitäten zwischen den Ständen und dem Kaiser zeigte. Karl bedauerte, dass er Martin Luther so lange hat gewähren lassen. Deshalb ist er jetzt entschlossen, gegen ihn und seine falsche Lehre vorzugehen. Reichsacht, das bedeutete alle Privilegien und allen Schutz des Kaisers zu verlieren, ja, mehr noch, Luther konnte von allen straffrei ausgeliefert werden, es wurde jedermann untersagt, ihm Hilfe und Beistand zu geben, Unterschupf, Essen Trinken – das alles war verboten. Aber etliche Reichsfürsten fühlten sich trotzdem nicht an das Edikt gebunden, vor allem nicht der angesehene Kurfürst von Sachsen, Luthers Landesherr, der außerdem schon zwei Tage zuvor aus Worms abgereist war und dem das Edikt nie zugestellt wurde.
Zu dieser Zeit war Luther bereits auf der Wartburg, vorsorglich nach seiner Abreise in einer inszenierten Entführung von seinem Landesherren Friedrich dem Weisen gerettet. Der hat immer nur im Hintergrund agiert, nie Luther direkt auf dem Reichstag getroffen oder für ihn öffentlich Partei ergriffen, aber: er schützt ihn! Der Kaiser hatte nur 21 Tage des Schutzes gewährt.
Die Übersetzung des Neuen Testamentes und einige Schriften sind die Frucht dieser monatelangen Verwahrung als „Junker Jörg“ auf der Wartburg. Niemand wusste davon, für die Öffentlichkeit war er einfach verschwunden, aber die Burg war ein sicherer Ort für ihn.
„Ein feste Burg ist unser Gott“, so dichtete Luther in Anlehnung an den Psalm 46, aber in der Zeit nach dem Reichstag, als sein Leben sehr gefährdet war, wurde für ihn auch die Wartburg zu einer „festen Burg“. Deshalb wollen wir jetzt dieses Lied hören:

Predigtlied 362 / 1, 2 Ein feste Burg ist unser Gott  

Orgel: Kurze Improvisation zu EG 362

Amen.

Abkündigungen

Friedensgruß

Fürbitten

„Fürbitten heißt: jemanden einen Engel senden“, soll Martin Luther gesagt haben. Wer Gott um Gutes für einen anderen Menschen bittet, kann ihm die Kraft geben, eine schwierige Situation zu bewältigen.

Vom süddeutschen Philosophen Wolfgang Pfleiderer (1877 - 1971), dt. Philologe, ist das Gebet überliefert: Lieber Gott, Du weißt schon alles, was ich sagen will, also lassen wir’s gut sein, Amen.

Und von Heinrich Kemner (1903-2993), einem der markantesten Pfarrer Norddeutschlands und Begründer der Ahldener Jugendtage und des geistlichen Rüstzentrums Krelingen bei Walsrode in Niedersachsen, wird erzählt: Eines Abends fiel er nach einer Veranstaltung todmüde ins Bett, und statt des nachtens üblichen Vaterunser sagte er nur: „Herr, zwischen uns bleibt alles beim alten“. Und schlief sofort ein.

So lade ich Sie ein, Ihre Gedanken und Gebete vor Gott zu bringen, so wie es Ihnen heute Morgen ums Herz ist.

Stille

Danke, Herr, dass du unsere Gebete hörst,
die lauten und die leisen,
die wohlformulierten und die Stoßgebete aus der Tiefe unseres Herzens.
Selbst, was wir noch nicht selber formulieren können,
ist aufgehoben bei Dir
und nehmen wir hinein in das Gebet, das Dein Sohn uns geschenkt hat.

Vaterunser

Vater unser im Himmel.
Geheiligt werde dein Name.
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich und die Kraft
und die Herrlichkeit in Ewigkeit.
Amen.

Segen

Der Herr segne euch
und behüte euch.
Der Herr lasse sein Angesicht leuchten über euch
und sei euch gnädig.
Der Herr erhebe sein Angesicht auf euch
und gebe euch Frieden.

Orgel: Amen.

Schlusslied: EG 342 Verleih uns Frieden gnädiglich  

Verleih uns Frieden gnädiglich, Herr Gott zu unsern Zeiten.
Es ist ja doch kein andrer nicht, der für uns könnte streiten,
denn du unser Gott alleine.

Martin Luther

Orgel: 1 Strophe

Orgelnachspiel